Leseprobe: Der Kuss des Raben

Der schräge Lichteinfall der Nachmittagssonne ließ das klare Wasser des Schiefersees wieder in dieser magischen hellblauen Farbe aufleuchten. Als Mila ans flache Ufer trat, flog ein Schwarm kleiner weißer Schmetterlinge vom warmen Boden auf wie eine fröhliche Sommerwolke.

Der See erschien ihr auf einmal wie ein lebendiges Wesen, das auf sie gewartet hatte. Komm in meine kühle Tiefe, schien er zu sagen. Unwillkürlich bekam sie eine Gänsehaut und musste an den See in der Nähe ihres Dorfes denken, in dem sie schwimmen und tauchen gelernt hatte. Ihr Cousin Jovan hatte sie ins Wasser geworfen, und sie war geschwommen, weil sie sich vor den Nivashi, den Wassergeistern, gefürchtet hatte, die am Grund des Sees in ihren prachtvollen Wohnungen hausen sollten.

Die Nivashi kamen oft auf die Erde, um den Menschen zu helfen oder ihnen zu schaden – ganz wie es ihnen beliebte. Sie bewahrten die Seelen der Ertrunkenen in Gefäßen auf, um sich an ihrem Wehklagen zu erfreuen. Manchmal holten sie sich Menschenfrauen, um mit ihnen wunderschöne Töchter zu zeugen.

Baba Sidonia hatte Mila in ihrer Kindheit mit unzähligen solcher Geschichten über Dämonen und Geister verzaubert und verängstigt, doch das hatte Mila nicht davon abgehalten, im See zu tauchen und zu schwimmen. Denn sie liebte Wasser in all seinen Formen: als Regen, als grauer Nebel, als Eis oder Schnee. Wasser konnte hart, aber auch unendlich sanft sein, konnte sich fügen oder zerstören. Es war in den Tiefen der Erde gewesen, im Ozean, in den Wolken, die im Blau des Himmels segelten. Wasser war Magie und niemandes Besitz. Es gehörte zur Welt ... >> weiterlesen

Hörprobe aus "Isegrim"



Lesung aus "Isegrim"



Leseprobe aus "Isegrim"

Gegen halb sieben gehen Kai und ich nach unten in die Küche, damit ich das Abendessen vorbereiten kann. Pa sitzt auf der Küchenbank und liest Zeitung. Mein Vater mag Kai, was auf Gegenseitigkeit beruht. Vor ein paar Wochen hat Pa angefangen, Kai hin und wieder ein Bier anzubieten, wenn er abends bei uns ist. Okay, Kai ist fast siebzehn und alt genug für ein Bier – trotzdem gefällt mir das vertraute Getue ganz und gar nicht. Schließlich ist Kai mein Freund – und nicht der meines Vaters. Vermutlich hört Pa schon die Hochzeitsglocken läuten. Ein schmuckes Häuschen auf dem verwilderten Grundstück nebenan, zwei wohlgeratene Kinder, Kai der neue Schafkönig von Altenwinkel und ich seine Schafhirtin. Pustekuchen.

Kai und ich haben andere Pläne. Nach dem Abi wollen wir zusammen fortgehen – weit fort. Nach Kanada. Das heißt: Ich will nach Kanada und Kai träumt von Neuseeland. Aber als ich ihm unter die Nase rieb, wie absurd das ist: Er will weg von den Schafen seines Vaters – und dann soll es ausgerechnet Neuseeland sein, lenkte er ein. »Na gut – dann eben Kanada.« Unsere Kanada- Pläne sind unser Geheimnis. Nicht mal unsere Freunde wissen davon. Niemand soll uns aufhalten, wenn es erst so weit ist.

Pa und Kai sitzen nebeneinander, trinken Bier aus der Flasche und führen Männergespräche, während ich den Tisch decke und ihnen mit halbem Ohr lausche.
Mein Vater ist Revierförster. Seit ich laufen kann, nimmt er mich mit in den Wald, er hat mir alles beigebracht, was er über die Natur und die Tiere des Waldes weiß. Ich habe seinen guten Orientierungssinn geerbt. Es ist sein Verdienst, dass ich mich allein da draußen zurechtfinde und mich vor keinem Tier fürchte, auch vor Schlangen und Wildschweinen nicht.

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